Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam

Presseinformationen

9/2020: Stiftungsdirektor Axel Drecoll: 75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager ist die Gegenwartsrelevanz und Zukunftsbedeutung der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen das Leitthema der Stiftungsaktivitäten

02. März 2020

Nr.: 9/2020

Den Opfern und Hinterbliebenen ein würdiges Gedenken zu ermöglichen ist ein maßgebliches Ziel der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. „Ganz in diesem Sinne steht der 75. Jahrestag der Befreiung in diesem Jahr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit“, sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll heute vor Pressevertretern in Potsdam. Die Betonung von Gegenwartsrelevanz und Zukunftsbedeutung der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen sei nicht nur ein Leitthema der Befreiungsfeierlichkeiten, sondern stehe im Fokus vieler weiterer Veranstaltungen der Stiftungseinrichtungen im Jahr 2020.

„Die Kolleginnen und Kollegen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sind außerordentlich dankbar, dass rund 60 Überlebende ihre Teilnahme zugesagt haben, um gemeinsam der Opfern zu gedenken und die Befreiung zu feiern“, betonte Drecoll. Die brandenburgischen Gedenkstätten werden im April mit vielfältigen Veranstaltungen, Ausstellungen und Begegnungen an den 75. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück sowie aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden erinnern. Drecoll: „Wir wollen mit diesen Veranstaltungen ein deutliches Zeichen setzen, dass das aktive Erinnern an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sowie das Gedenken an die Opfer ein elementarer Bestandteil der demokratischen Kultur in Deutschland sind, die auf den Schutz der Menschenwürde, auf Rechtsstaatlichkeit und Toleranz verpflichtet ist. Wir laden alle Bürgerinnen und Bürger schon jetzt sehr herzlich zur Teilnahme ein, um die vielleicht letzte Gelegenheit zur Begegnung mit Überlebenden der Konzentrationslager zu nutzen.“

Mit dem in allen ihren Gedenkstätten präsentierten Ausstellungsprojekt „Bruchstücke '45“ nimmt die Stiftung den 75. Jahrestag außerdem zum Anlass, die Erinnerung an die Umbruchsituation von Befreiung und Kriegsende 1945 in die Region zu tragen. In fünf Einzelausstellungen, die im Jahresverlauf in den Gedenkstätten Sachsenhausen, Ravensbrück, Below, Brandenburg und der Leistikowstraße Potsdam gezeigt werden, wird die Perspektive der NS-Verfolgten in den Mittelpunkt gerückt. Gleichzeitig wird danach gefragt, wie sich die Menschen in den Städten und Dörfern Brandenburgs in der Umbruchssituation verhielten, und wie sie das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit wahrnahmen.

Die internationale Bedeutung der Gedenkstätten als Orte des Erinnerns und der historisch-politischen Bildung mit enormer Breitenwirkung machen die Besucherzahlen deutlich. Laut Stiftungsdirektor Axel Drecoll war das Publikumsinteresse auch im letzten Jahr unverändert stark. Erneut haben sich rund 850.000 Menschen aus aller Welt in den Gedenkstätten mit der Geschichte auseinandergesetzt, mehr als 700.000 allein in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Drecoll: „Diese enorme Aufmerksamkeit hängt nicht zuletzt mit der europäischen und globalen Dimension der NS-Massenverbrechen zusammen, die sich auch an den historischen Tatorten im heutigen Brandenburg deutlich niederschlug. Zahlreiche Veranstaltungen und Programme widmen dieser Dimension auch in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit.“

Ausgesprochen hoch ist auch die Anzahl der Vermittlungsformate: Rund 5.400 pädagogische Programmpunkte wurden im vergangenen Jahr angeboten und wahrgenommen. Besonders erfreulich ist dabei die enorme Bandbreite und Vielfalt: Neben verschiedenen Sprachen, Rundgängen sowie besonders partizipativ angelegten Tages- und Mehrtagesseminaren liegt ein Schwerpunkt auf der barrierefreien Zugänglichkeit. Einen weiteren Schwerpunkt bilden kulturelle Zugänge zur Geschichte. Mit Künstlerinnen und Künstlern, etwa aus den Bereichen Musik oder Bildhauerei, werden Projekte durchgeführt, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kreativ herausfordern und die analytische Beschäftigung mit den Themenbereichen intensivieren.

Durch die Projektlinie „Jugend erinnert“ konnte die Stiftung 705.000 Euro für die Entwicklung neuer pädagogischer Formate in den Gedenkstätten Sachsenhausen, Ravensbrück und Brandenburg an der Havel akquirieren. „Dank dieses Förderprogramms der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM), werden in den nächsten drei Jahren innovative Vermittlungsprogramme entstehen, die jungen Menschen die Wichtigkeit der Beschäftigung mit Geschichte besonders gut nahe bringen können. Die Gegenwartsrelevanz der NS-Vergangenheit wird hervorgehoben, die Bedeutung für Demokratie und Toleranz betont und auf Inklusion gesetzt“, betonte Drecoll.

Die Vermittlungsarbeit basiert auf den Ergebnissen historischer Forschung und ist durch die musealen Funktionen der Gedenkstätten getragen: Objekte und Hinterlassenschaften zeugen von den Verbrechen und geben Informationen über Opfer und Täter. Durch Provenienz-Recherche müssen diese Quellen aber erst zum Sprechen gebracht werden, auf Erhalt und Pflege ist ein besonderes Augenmerk zu legen. Mit verschiedenen Projekten forciert die Stiftung objektbezogene Forschungen und stärkt die zeithistorische Wissenschaftstätigkeit in den Stiftungseinrichtungen. Im engen Zusammenhang mit den museologischen Aufgaben steht die Notwendigkeit der Digitalisierung und EDV-basierten Aufbereitung und Vermittlung historischer Inhalte. Sie gewährleistet die Archivierung und Nutzung der Quellen durch Datenbanken, setzt durch multimediale Angebote neue Standards und ist für die kuratorische und wissenschaftliche Arbeit unerlässlich.

„Wir freuen uns, dass wir in einer Kooperation der Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück, mit der Filmhochschule Babelsberg und dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, das die Zusammenarbeit federführend betreut, erfolgreich Mittel bei der Bundeskulturstiftung einwerben konnten. Dieses mehrjährige Drittmittelprojekt dient dazu, verschiedene Möglichkeiten digitaler und multimedialer Geschichtspräsentationen zu entwickeln und in die Vermittlungsarbeit der Gedenkstätten einfließen zu lassen“, so Drecoll. Das sei jedoch nur ein Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Digitalisierungsstrategie. „Weitere Schritte müssen folgen.“ Kooperationsprojekte, die neben der Vermittlung vor allem auf Bestandserhalt, Archivierung in Datenbanken und der online-Verfügbarkeit von Quellen zielen, sind in diesem Bereich daher beantragt und zum Teil auch schon bewilligt.

Auch dem Erhalt der baulichen Relikte kommt nach dem nahenden Ende der Zeitzeugenschaft eine größere Bedeutung zu. Dem trägt die Stiftung mit der Überarbeitung der Zielplanungen für die Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück Rechnung. „Nachdem die vorliegenden Zielplanungen weitgehend abgearbeitet worden sind, gilt es, neue Herausforderungen zu berücksichtigen, eine konzeptionelle Weiterentwicklung auf den Weg zu bringen und Planungssicherheit für die nächsten Jahre herzustellen“, sagte Drecoll.

Drecoll hob das erfolgreiche Bemühen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hervor, die durch das Einwerben von Drittmitteln die Projektvielfalt der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten überhaupt erst ermöglicht haben. Neben den bereits erwähnten Projekten konnte die Stiftung für weitere Wissenschafts- und Ausstellungsprojekte in den letzten 12 Monaten insgesamt deutlich mehr als 3 Millionen Euro an Projektmitteln einwerben.

Drecoll: „Gerade dieser Erfolg zeigt, dass die finanziellen Bedarfe der Stiftung gleichbleibend hoch sind. Die Akquise von Drittmitteln ist enorm ressourcenintensiv und kann eine deutliche Erweiterung des Kernhaushalts dauerhaft nicht ersetzen. Nachhaltige Pädagogik braucht Personal und die Sammlungspflege benötigt ebenfalls zusätzliche Finanzmittel und Arbeitskräfte wie auch die Einführung und Ausweitung EDV-basierter Arbeitsabläufe und Vermittlungsformate. Wir sind daher dankbar für die breite Unterstützung des Brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, die sich im von der Regierung beschlossenen Nachtragshaushalt einmal mehr deutlich gezeigt hat. Dankbar sind wir auch der BKM, die sich für die Belange der Stiftung nachdrücklich einsetzt. Vor allem aber ist auch an dieser Stelle die hohe Einsatzbereitschaft und enorme Arbeitsqualität auf Seiten der Kolleginnen und Kollegen in den Gedenkstätten und in der Geschäftsstelle zu betonen, ohne die die vielfältigen und anspruchsvollen Aufgaben nicht zu bewältigen wären“, sagte Drecoll.

Jede Vermittlungstätigkeit der Stiftung zielt laut Drecoll auf eine breite Partizipation der Zivilgesellschaft. „Besonders dankbar ist die Stiftung mit ihren Gedenkstätten für die Partnerschaft und Kooperationsbereitschaft der befreundeten Einrichtungen, insbesondere der Häftlingskomitees und Verfolgtenverbänden sowie der Fördervereine oder anderer Gruppen und Personen, die die Arbeit mit großem Engagement und breiter Unterstützung begleiten“, betonte Drecoll.


PRESSEMATERIAL (PDF, 1,6 MB)

Presseinformation des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur

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